Wann kommt die Zinswende?

Frage: Wann steigen die Sparzinsen wieder?

Die Zinsen befinden sich im Dornröschenschlaf. Ein tapferer Ritter, der sich durch das dornige Gestrüpp aus wirtschaftlichen und politischen Ranken wagt, um sie zu wecken, ist nicht in Sicht. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hätte zwar das nötige Rüstzeug. Doch statt das Schwert anzusetzen, zupft er nur vorsichtig an den Rosenblättern. So steht auch 2017 weiterhin die Frage im Raum: "Wann kommt die Zinswende?"

Wie sich die Zinsen in 2017 entwickeln könnten, haben wir in unserer Zinsprognose 2017 zusammengefasst: Zur Zinsprognose 2017 unserer Redaktion »

Die Niedrigzinsphase hält an

Im Juli 2013 hatten wir zuletzt bei Banken, Verbänden und Versicherungen nachgehakt, wann ein Ende der niedrigen Zinsen in Sicht ist. Inzwischen sind fast vier Jahre vergangen, viel ist passiert und die Niedrigzinsphase macht ihrem Namen alle Ehre. Stand der Leitzins im Mai 2013 noch bei +0,50 Prozent, sind es seit März 2016 0,00 Prozent. Stabil auf der Nulllinie. Der Einlagezins für die Gelder, die von Banken bei der EZB geparkt werden, hat sogar ein negatives Vorzeichen erhalten und steht aktuell bei -0,40 Prozent. Kurzum: Wer Geld bei der EZB lagert, zahlt dafür.

Die Last dieser Entwicklung trägt das letzte und kleinste Glied der Kette – der Verbraucher. Stellen wir die positiven und negativen Begleiterscheinungen der Niedrigzinsphase gegenüber, zeigt sich das Ungleichgewicht. Auf der einen Seite locken günstigere Kredite und billiges Baugeld. Die dunkle Seite indes schluckt die Rendite von Spareinlagen, gefährdet die Altersvorsorge und kostet Geld, weil Banken ihre Mindereinnahme durch höhere Gebühren ausgleichen – so gehört das gebührenfreie Girokonto ggf. bald der Vergangenheit an.

Beeindruckt zeigen sich Sparer davon nicht. Das belegt die Sparquote. Sie ist laut Zeitreihe der Bundesbank in den vier Jahren seit 2013 von 9,00 auf 9,70 Prozent gestiegen. Gleichwohl bleibt die Zins-Warnung des Sparkassen-Giroverbandes aus dem Jahr 2013 bestehen: „Über längere Zeit werden Sparer das nicht akzeptieren.“ Bislang ist Verbrauchern nichts anderes übriggeblieben, als sich mit der Situation anzufreunden. Und sie werden sich auch noch weiter gedulden müssen.

Prognosen werden immer schwerer

Dass eine exakte Prognose, wann die Zinsen wieder steigen, unmöglich ist, haben die Banken und Sparkassen bereits vor vier Jahren deutlich gemacht. Seinerzeit rechnete man auf breiter Ebene mit einer Entspannung nicht vor 2016 oder 2017. In der Zwischenzeit haben sich viele Vorzeichen geändert, vom Brexit bis zur Inflation. Schon daran zeigt sich, wie schwer es ist, Vorhersagen zu treffen. Kein Wunder also, dass zahlreiche Banken auch in diesem Jahr keine Einschätzung abgeben wollten.

Die Finanzinstitute, die sich an der Umfrage beteiligten, sind immerhin verhalten positiv gestimmt, dass eine Trendwende kommen könnte. Zeit wäre es, meint der Chefvolkswirt der Targobank, Dr. Otmar Lang: "Die Europäische Zentralbank hat ihre Zinspolitik nicht verändert – wie erwartet. Dabei stellt sich die Frage: Worauf wartet sie eigentlich noch?" Gute Frage.

Welche Rolle spielt die Inflation?

Die Antwort darauf versteckt sich in vielen kleinen Details, die zur Finanzstabilität im Euroraum beitragen sollen. Einer dieser Aspekte ist die Inflation bzw. die Preisentwicklung. Aus Sicht von Dr. Lang hat Mario Draghi hierbei vor allem die Kerninflation im Blick. Sie liegt bei rund 0,90 Prozent. "1,50 Prozent müssten es wahrscheinlich schon sein, damit die Notenbanker bereit sind, ihre Geldpolitik endlich zu ändern", schreibt der Chefvolkswirt der Targobank.

Quellen:

  • de.tradingeconomics.com

Ähnlich wird die Situation bei der Consorsbank eingeschätzt. Sie sieht den Anstieg der Inflation – Ziel der EZB ist ein Wert von etwa zwei Prozent – derzeit vor allem "durch die Energiepreise getrieben". Dieser Effekt laufe in der zweiten Jahreshälfte aus und führe zu einem Rückgang der Inflation in Richtung Kernrate. Daher werde die EZB ihre Anleihekäufe wie geplant bis Ende 2018 oder 2019 weiterführen. "Mit ersten Leitzinserhöhungen ist dann frühestens Ende 2018 zu rechnen."

Der Chefanlagestratege der Commerzbank, Chris-Oliver Schickentanz, öffnet das Zeitfenster etwas weiter. "Wir rechnen erst im Jahr 2019 mit der Leitzinswende in Europa". Ein Grund dafür sei die Entwicklung der Inflation, die in den kommenden Monaten voraussichtlich wieder zurückgehen werde. "Das liefert der Notenbank eine gute Begründung, die Zinsen nicht anzuheben." Den eigentlichen Grund sieht Chris-Oliver Schickentanz jedoch auf einer anderen Ebene. Die Zinsen blieben niedrig, "damit die Euro-Länder nicht von ihren Schulden erdrückt werden".

Auch Dr. Klaus Schrüfer vom Santander Asset Management glaubt nicht an eine baldige Zinswende. Die EZB sehe "eine nochmalige Lockerung für wahrscheinlicher an als eine baldige Straffung der Geldpolitik". Daran ändert der Umstand, dass in den USA die Leitzinsen angehoben wurden, nur wenig. "Trotz Leitzinserhöhung in den USA wird die Zinswende in Europa noch weiter auf sich warten lassen", sagt ING-DiBa Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Das nehme jedoch nicht weg, dass es im Laufe des Sommers erste Zeichen des Einstiegs in den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik der EZB geben könne.

Davon ist auch der Bundesverband deutscher Banken überzeugt. "In Deutschland gibt es Anzeichen, dass wir uns allmählich von den historischen Tiefständen bei längerfristigen Zinsen lösen." Das habe zwei Gründe. Zum einen könne sich Europa nicht den steigenden Zinsen in den USA entziehen. Zum anderen bewege sich die Inflationsrate nach oben.

Keine Zinsanpassung vor Ende der Anleihekäufe

Bevor jedoch an der Zinsschraube gedreht wird, müssen die Anleihekäufe neu justiert werden. "Die Währungshüter haben eine Zinsanhebung vor Beendigung des Anleihekaufprogramms, das noch bis mindestens Ende 2017 läuft, praktisch ausgeschlossen", so Dr. Marco Bargel, Chefvolkswirt der Postbank. Sein Kollege Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, erwartet, dass erste Diskussion um die Rückführung des Kaufprogramms im zweiten Halbjahr 2017 aufkommen werden. Zu diesem Termin rechnet auch der Bundesverband öffentlicher Banken mit einer Ankündigung, dass die Ankäufe enden.

Einen weiteren Faktor im Spiel um die Zinsen nennt der Bundesverband der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. "Sie [die EZB] hat zuletzt signalisiert, dass sie sich bei der Festsetzung des Leitzinses an der Lohnentwicklung orientieren wird", erklärt die Pressestelle. Setze die EZB ihren Maßstab bezüglich der Lohnentwicklung zukünftig glaubhaft an, wäre mit einer Zinsanhebung frühestens im Jahr 2018 zu rechnen.

Die Einschätzung der Banken und Verbände

Kurzum: Die Zinswende lässt auf sich warten. Da sind sich alle Banken und Verbände einig.

  • Bundesverband Deutscher Banken: Die langfristigen Zinsen werden in Deutschland wohl nur langsam und in sehr kleinen Schritten steigen. Mit schnell und stark steigenden Zinsen sollten Anleger noch nicht rechnen.
  • Dr. Ulrich Stephan, Deutsche Bank: Mit einer Leitzinserhöhung rechne ich nicht vor dem Jahr 2019.
  • Dr. Marco Bargel, Postbank: Wahrscheinlich wird sie [die EZB] die Anleihekäufe beginnend im Januar 2018 weiter sukzessive reduzieren und sie dann erst zur Jahresmitte 2018 ganz einstellen. Damit wäre der Weg für eine Leitzinserhöhung und dementsprechend steigende Sparzinsen theoretisch frei, wobei wir aber frühestens 2018 mit höheren Leitzinsen im Euroraum rechnen.
  • Consorsbank: Die Niedrigzinsphase dürfte nach unserer Einschätzung mindestens bis Ende 2017 anhalten. Danach könnte sich ein Zinsansteigen im mittleren Laufzeitsegment positiv auf die Refinanzierung der Banken auswirken, die diese dann an die Anleger weitergeben könnten.
  • Bundesverband öffentlicher Banken: Wir sehen keine schnelle Zinswende. Die EZB könnte im zweiten Halbjahr 2017 das Ende Ihrer Anleiheankäufe („Tapering“) für 2018 ankündigen. Dann bräuchte sie je nach Geschwindigkeit circa sechs bis zwölf Monate um ihr Ankäufe auf null zu reduzieren. Um den Kostendruck von den Banken zu nehmen, könnte sie gleichzeitig den Einlagenzins von -0,4 Prozent auf 0 Prozent anheben. Die Leitzinsen sollten sich dann frühestens 18 Monate nach Ende des Taperings wieder bewegen, was nicht vor Ende 2019 der Fall seien dürfte. Ob es anschließend aus Sicht der Sparer zu einem "vernünftigen" Zins kommen wird bleibt fraglich. Da die Zinsschritte üblicher Weise nur vorsichtig erfolgen, wäre ein Leitzins von 1% (wie in den USA) wohl erst im Jahr 2021 realistisch.
  • Chris-Oliver Schickentanz, Commerzbank: Wir gehen davon aus, dass die EZB noch längere Zeit die Füße stillhalten wird. Wir rechnen erst im Jahr 2019 mit der Leitzinswende in Europa.
  • VTB direkt: Aktuell ist kein Trend für eine positive Entwicklung der Zinsen erkennbar.
  • Klaus Vehns, Deutschland-Chef der RaboDirekt: Bei variabel verzinsten Sparprodukten wie Tagesgeldkonten oder Sparkonten ist für die nächsten 12 bis 24 Monate ein weiteres Sinken der Zinsen oder eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau wahrscheinlicher als eine Zinswende. Selbst eine Erhöhung der Leitzinsen hätte nicht unmittelbar einen positiven Effekt, weil aufgrund der bankinternen Bewertungssystematik variable Kundeneinlagen in der Regel zu Vergangenheitszinsen bewertet werden. Es gibt also einen Zeitversatz zwischen Marktzins- und Kundenzinserhöhung, der je nach Modell 12 Monate oder sogar mehr betragen kann.
  • Dr. Klaus Schrüfer, Santander: Die EZB wird ihren wichtigsten Leitzins, den Satz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte, von aktuell 0,00 % bis weit in das kommende Jahr beibehalten. Sie wird im Rahmen ihres umfassenden Wertpapierankaufprogramms ab April bis Jahresende 60 Mrd. € pro Monat ankaufen. Nicht ausgeschlossen ist dagegen, dass die EZB im Laufe des Jahres den sogenannten Einlagensatz von aktuell -0,40 %, zu dem Geschäftsbanken Liquidität über Nacht bei der EZB anlegen können, leicht anheben könnte.

Einschätzungen verschiedener Banken und -verbände im Überblick

Die Prognosen zur Zinswende: Nur wenige Banken wagen den Blick in die Glaskugel.

Zinswinde Prognose 2017

Nachfolgend die komplette Liste unserer Anfrage:

Bank / Verband Einschätzung
BMW Bank keine Prognose
Volkswagen Bank keine Prognose
HUK Coburg keine Prognose
Bank of Scotland keine Prognose
Bundesverband deutscher Banken kein schneller Zinsanstieg
Postbank frühestens Ende 2018
Consorsbank frühestens Ende 2018
ING-DiBa nicht vor Ende 2018
Renault Bank direkt keine Prognose
Bundesverband öffentlicher Banken nicht vor Ende 2019
Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken frühestens 2018
Commerzbank erst im Jahr 2019
VTB direkt kein Trend erkennbar
CosmosDirekt keine Prognose
RaboDirekt niedriges Niveau für weitere zwölf bis 24 Monate
Santander Consumer Bank nicht mehr in diesem Jahr, frühestens 2018
TARGOBANK Hinweise zum Timing einer Zinswende im September 2017
1822direkt keine Prognose
Stand: 04/2017

Der Druck auf die EZB wächst

Auch wenn viele Banken sich mit einer Prognose zur Zinswende schwertun oder gar keine Einschätzung dazu abgeben, mehren sich prominente Stimmen, die eine Zinswende eher früher als später fordern. Sie kommen aus den Reihen der Banken, der Wirtschaft und der Politik.

Verschiedene Punkte werden dabei ins Feld geführt. So wird auf die Geldpolitik der amerikanischen Notenbank Fed verwiesen. Diese hat in den USA die Zinswende bereits eingeläutet. Seit er 2015 seinen Tiefstand erreicht hatte, hob die Fed den Leitzins mehrmals an. Im März 2017 vollzog sie eine Erhöhung auf die Spanne von 0,75 bis 1,0 Prozent. Die Schritte wurden sehr positiv aufgenommen. In Deutschland glauben einige Experten, die EZB sollte dem Vorbild der Fed folgen.

Auch der Wahlsieg Emmanuel Marcons bei der Präsidentenwahl in Frankreich gab den Kritikern der EZB Auftrieb. Marine Le Pen, die einen scharfen Kurs gegen die EU fuhr und fährt, wurde abgewendet. Die Befürworter der EU wurden mit Macron hingegen gestärkt. Seine Wahl sorgt für mehr Stabilität. Höchste Zeit also, die Zinswende einzuläuten, so viele EZB-Kritiker.

Im Folgenden einige prominente Stimmen, die sich für eine Zinswende aussprechen:

  • Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister: „Die ultralockere Geldpolitik in vielen Regionen ist nicht hilfreich.“ Und weiter: „Wenn nicht rechtzeitig umgesteuert wird, steigt eher das Risiko einer weiteren Krise, anstatt es zu reduzieren.“ Darüber hinaus ist Schäuble überzeugt, dass die Zinswende bald kommen wird: „Die Zinsentwicklung wird ja auch wieder demnächst anfangen, sich zu normalisieren.“
  • Markus Söder, Bayrischer Finanzminister: „Die Zeit für einen Kurswechsel ist reif“. Ihn stört die „schleichende Enteignung der deutschen Sparer durch die Politik des ultrabilligen Geldes“.
  • Christoph Schmidt, Vorsitzender des Sachverständigenrates: Er hält die Zinswende für geboten. Die Wirtschaft wachse wieder stärker und die Inflationsrate normalisiere sich. „Die EZB sollte daher die Beendigung ihres Aufkaufprogramms sobald wie möglich vorbereiten.“
  • Hans-Werner Sinn, Ökonom: Er hält die Politik der EZB für eine nicht tolerierbare „Fiskalpolitik zur Entlastung überschuldeter Staaten der Euro-Zone“.
  • Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank: Er ist der Meinung, dass die EZB ihr Aufkaufprogramm zeitnah beenden sollte und sorgt sich um „Blasenbildung an den Häuser- und Finanzmärkten.“
  • Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz Gruppe: Er nimmt die Zinserhöhungen in den USA zum Anlass, auch ein Ende des extrem billigen Notenbankgeldes in Europa zu fordern. Heise glaubt, dass es immer schwieriger werde, „das System wieder zu normalisieren, weil sich alle an Nullzinsen gewöhnt haben“.
  • Martin Wansleben, DIHK-Hauptgeschäftsführer: Er blickt ebenfalls in Richtung USA. „Die Entscheidung der Amerikaner dürfte es zudem der EZB erleichtern, ihren übertriebenen Aktionismus der letzten Monate zu überdenken. Denn Geld zum Nulltarif allein lässt die Unternehmen hierzulande nicht investieren, dazu brauchen sie vielmehr bessere wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen.“
  • Uwe Fröhlich, Präsident der Genossenschaftsbanken: Er ruft die EZB zum „dringenden geldpolitischen Umsteuern“ auf.

Fazit: Die Zinsen bleiben im Tiefschlaf

Bis das Sparschwein wieder vergnügt quiekt vergehen wohl noch ein paar Jahre. Oberste Bürgerpflicht bleibt somit die Geduld. Nur sollte sie nicht überstrapaziert werden. Viele Signale stehen auf Grün. „Aus Sicht des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken ist es bereits jetzt dringend erforderlich, dass die EZB den Leitzins schrittweise wieder anhebt, um Überhitzungen auf den Finanzmärkten entgegenzuwirken.“ Auf offene Ohren bei der EZB darf man diesbezüglich nur bedingt hoffen. Sie lässt die Zinsen wohl noch ein wenig schlafen.

Autor: André Maßmann