Harte Zeiten für deutsche Bankkunden: Kaum Zinsen, dafür hohe Gebühren

Das anhaltende Niedrigzinsniveau macht den Kreditinstituten weiterhin zu schaffen. Kein Wunder. Die wichtigste Ertragsquelle für Banken ist schließlich der Zinsüberschuss, d. h. die Differenz zwischen gezahlten Guthabenzinsen an Sparern und ausgegebenen Krediten an Schuldnern. Doch dieses Geschäftsmodell kommt an seine Grenzen. Spätestens, seitdem die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf 0,00 Prozent gesenkt hat, ist klar, dass sich mit Zinsüberschüssen nur noch bedingt Geld verdienen lässt. Banken sind inzwischen gezwungen, ihre Kosten auf anderen Wegen zu decken. Eine Strategie, die erfolgversprechend erscheint, ist die Gebührenstruktur zu verändern – nicht unbedingt zum Vorteil des Kunden.

Lange Zeit profitierten Kunden (zumindest bei Direktbanken) vom Privileg eines gebührenfreien Girokontos und musste selbst für einen hohen Servicestandard selten bezahlen. Damit scheint vorerst Schluss zu sein: In der Gebührenstrukturen der Banken ist ein Umbruch sichtbar. Aber kann sich der durchschnittliche Sparer den kreativen Gebühren und Strafzinsen entziehen? Welche empfehlenswerten Möglichkeiten gibt es jetzt, sein Kapital profitabel anzulegen?

Inhaltsverzeichnis

Strafzinsen: Ein Trend aus der Not heraus

Immer mehr Banken verlangen von vorrangig finanzstarken Kontoinhabern Strafzinsen dafür, ihr Geld auf dem Konto zu parken. Das trifft bisher in erster Linie Kommunen und Unternehmen, die wenig bis keine Alternativen haben, ihr Geld anderweitig anzulegen. Privatkunden sind größtenteils verschont geblieben – aber wie lange noch? Ein „Vorreiter“ im Bereich der "Verwahrentgelte" war z. B. die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee, die Investoren seit Ende 2016 zur Kasse bittet – ab Einlagen von 100.000 Euro als Spar- oder Girokontoeinlage fallen Kosten an.

Statt Habenzinsen zu erhalten, müssen die Anleger also bezahlen. Wie unsere Übersicht zeigt, haben sich immer mehr Kreditinstitute diesem Konzept angeschlossen – wohl mangels alternativer Einnahmequellen.

Darüber hinaus zeigen sich manche Institute äußert kreativ, wenn es um neue Gebühren geht. So erhalten beispielsweise Kunden mit einem Tagesgeldkonto bei der Raiffeisenbank Niederschlesien in Görlitz einen – mehr oder minder symbolischen – Habenzins von 0,01 Prozent. Gleichzeitig erhebt die Bank monatlich fünf Euro Gebühren auf das entsprechende Sparkonto. Schon ohne Inflationsbereinigung ergibt sich hieraus ein Minusgeschäft für den Anleger.

Lese-Tipp:

Negativzinsen - diese Banken erheben Strafzinsen auf Einlagen. Unsere Übersicht aller Banken mit Strafzinsen in Deutschland findet sich in unserem Themen-Spezial.

Natürlich sollte der Kunde nicht vergessen, dass die Banken für kurzfristige Einlagen ebenfalls Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zahlen. Aktuell liegt der Satz der Einlagefazilität bei -0,40 Prozent. Letztlich geben die Institute ihre Kosten somit nur weiter. Das "Girokonto zum Nulltarif" gehört weitestgehend der Vergangenheit an. "Der Kunde einer gesunden Bank oder Sparkasse sein will, muss akzeptieren, dass das Institut aufwandsgerechte Preise verlangt und neue Ertragsquellen erschließt, wenn alte versiegen", erklärte Bafin-Präsident Felix Hufeld bereits im Mai 2017.

Trotzdem lautet unsere Empfehlung: Strafzinsen sollte jeder Kapitalanleger konsequent vermeiden. Generell besteht die Möglichkeit, sein Geld bei Instituten zu parken, die zumindest keine Strafzinsen verlangen – wenngleich auch auf Habenzinsen zumeist verzichtet werden muss. Ehe der Sparer Strafzinsen in Kauf nimmt, sollte er sich besser für eine alternative Anlagemöglichkeit entscheiden.

„Kostenloses Girokonto“ - ein Auslaufmodell?

Zugegebenermaßen ist der deutsche Bankkunde in den letzten Jahren ziemlich verwöhnt worden. Für Kontoführung und die Nutzung der üblichen Bankdienstleistungen musste er im Regelfall nichts zahlen. Das "kostenlose Girokonto" war mehr eine Selbstverständlichkeit als ein Alleinstellungsmerkmal (unique selling point – USP). Das hat sich leider geändert: Kaum ein Girokonto lässt sich heute noch gebührenfrei nutzen. Für den Kunden mag das ärgerlich sein, fair ist es jedoch allemal. Schließlich erbringt auch die Bank mit der Kontoführung eine Dienstleistung. Für Dienstleistungen bezahlen Kunden an anderen Stellen ebenfalls. Warum nicht fürs Konto? Die Akzeptanz der Deutschen ist in dieser Hinsicht indes begrenzt. Wenn es einen Wandel gibt, dann geht dieser nur langsam voran.

Ein Wandel der Gebührenstruktur ist auch anderenorts ersichtlich. Stichwort: Bargeldversorgung. Bereits Ende 2016 prophezeite Dirk Schiereck, Bankprofessor der TU Darmstadt, dass "es eine kostenlose Bargeldversorgung künftig wohl nicht mehr geben wird". "Es ist […] damit zu rechnen, dass sowohl für die Bargeldverfügung am Schalter als auch am Automaten zukünftig Gebühren fällig werden." (siehe BILD, 06.11.2016).

Ein Blick in die Glaskugel, der sich inzwischen vielerorts in Realität verwandelt hat. Im März 2017 ergab eine Erhebung unter 400 Sparkassen, dass rund 40 die gebührenfreie Bargeldversorgung eingeschränkt bzw. ganz abgeschafft hatten.

Wer Geld am Schalter ein- bzw. auszahlen will, wird praktisch kaum noch eine Bank finden, welche keine Gebühren für diesen Dienst erhebt - zumindest bei einfachen Kontomodellen.

Bemerkenswert sind auch Banken wie die comdirect, die seit einiger Zeit Mindestabhebungen am Automaten verlangen (50 Euro), damit keine Kosten entstehen. Andere Banken, die Automaten betreiben, reduzieren offensichtlich die Anzahl von kleinen Scheinen, damit kleine Auszahlungsbeträge nicht möglich sind.

Kreativ in der Gebührenfindung

Wie immer gibt es indes einige Institute, bei denen die Notwendigkeit zur Gebührenerhebung seltsame Blüten treibt. Plötzlich wird jede kleine Leistung in Rechnung gestellt. Papierüberweisungen nutzen, SMS-TAN erhalten, Umsatzabfrage beim Online-Banking – für jedes genannte Beispiel findet sich eine Bank, die sich den Dienst mittlerweile bezahlen lässt. Jahresgebühren für Girokarten oder Portokosten für die postalische Zusendung von Kontoauszügen sind dahingehend schon fast normal zu nennen.

Tipp:

Wir haben nichts gegen gerechtfertigte Kosten eines Girokontos. Anders sieht es aus, wenn die Bank selbst für automatisierte Dienste plötzlich die Hand aufhält. So sollte z. B. ein reines Online-Girokonto in der Regel keine Grundgebühren besitzen und eine kostenfreie Girocard beinhalten. Ein Rechner, der entsprechende Kosten beachtet, findet sich hier.

Direktbanken auf dem Vormarsch

Die Gebührenentwicklung hat zur Folge, dass Direktbanken in besonderem Maße profitieren. Viele bieten weiterhin kostenlose Girokonten an und sind auch in der allgemeinen Gebührenstruktur deutlich kostengünstiger. Das liegt schlichtweg an den niedrigen Kosten, da Direktbanken über keine Filialen verfügen.

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Quellen:

  • Bankenverband

Quelle: Bankenverband - Stand: 27. Oktober 2017

Für Kunden, die ohnehin fast ausschließlich Online-Banking betreiben und auf den Service in der Filiale bzw. auf den Berater verzichten können, gibt es keinen Grund, nicht zu einer Direktbank zu wechseln. Dadurch spart man sich die Kontoführungsgebühren und kann meist weiter von einem gebührenfreien Girokonto profitieren.

Sinnvolle Anlagemöglichkeiten zur Verhinderung von Strafzinsen und Gebühren

Vor Strafzinsen kann der Anleger sich schützen, indem er sein Kapital woanders hortet. Gebühren hingegen sind allgegenwärtig und finden sich in nahezu jedem Anlagesektor– egal, ob Aktiendepot, Sparbuch oder Immobilie – jeweils in unterschiedlicher Ausgestaltung. Wichtig ist, dass sich der Kunde nicht per se vor Gebühren jedweder Art verschließt. Andernfalls könnte es schwierig werden, überhaupt noch ein Anlageinstrument zu finden. Aber welche Anlagemöglichkeiten gibt es für Sparer, die Strafzinsen vermeiden wollen, gebührentechnisch günstig unterwegs sein wollen und bestenfalls noch eine annehmbare Rendite erwirtschaften möchten? Eine Varianten haben wir nachfolgend aufgelistet.

Sichere Option: Tagesgeldkonto mit temporärer Zinsgarantie

Die Hiobsbotschaft, dass es auf manchen Tagesgeldkonten inzwischen Strafzinsen gibt, sollte den Anleger nicht zu einer ungerechtfertigten Distanz zum Anlageinstrument „Tagesgeldkonto“ bewegen. Warum? Weil sich das flexible Konto weiterhin als flexible Rücklageoption eignet. Im Gegensatz zum Girokonto ist ein Tagesgeldkonto verzinst und generell kostenfrei. Experten empfehlen, bis zu drei Monatseinkommen hier zu parken. Hinsichtlich der Verzinsung sind derzeit noch max. 1,00 Prozent drin – bei der Consorsbank mit sechs Monaten Garantie. Danach sollte der Sparer aber eine Alternative suchen, da die Bestandskundenzinsen nicht der Rede wert sind. Ebenfalls interessant: Das Renault Bank direkt Tagesgeld mit 0,60 Prozent Zinsen und 3-monatiger Zinsgarantie.

Vor- und Nachteile kompakt:

Vorteile: Sichere Anlagemöglichkeit, i.d.R. gebührenfrei, bis max. 1,00 Prozent Habenzinsen

Nachteile: i.d.R. nur temporäre Zinsgarantie, meist auf 100.000 Euro beschränkt, trotzdem keine überzeugende Rendite

Unsere Testsieger und Empfehlungen

Risiko-Option: Aktiendepot mit Dividendenausschüttung

Eine interessante Möglichkeit, die Strafzinsen auf Sparbuch und Girokonto zu umgehen, besteht darin, sein Geld z. B. in Aktien oder Fonds zu investieren. Beachtet werden sollten hier allerdings das deutlich höhere Risiko sowie die nicht zu unterschätzenden Depotgebühren. Tipp: Viele Anleger entscheiden sich für Aktien mit jährlicher Dividendenausschüttung. So sieht die Dividendenausschüttung bei den DAX-Unternehmen im Jahr 2017 mehr als solide aus. Bis auf vier Ausnahmen dürfte die Dividende durchweg steigen. Im Schnitt wird die Dividendenrendite ca. 2,70 Prozent betragen (z. B. ProSiebenSat.1 5,99 Prozent, Daimler 5,21 Prozent, RWE 9,21 Prozent – siehe Börse-online.de, 24.02.2018). Es sollten aber natürlich die Kursschwankungen, denen Aktien naturgemäß unterliegen, nicht außer Acht gelassen werden.

Vorteile: Flexible Anlagemöglichkeit, keine Strafzinsen, Chance auf attraktive Dividenden-Rendite

Nachteile: Höheres Risiko, Depotgebühren, höherer Zeitaufwand

Alternative Anlagemöglichkeiten

Investoren, die ihr Kapital auf andere Art und Weise anlegen möchten, haben unter anderem die Möglichkeit, Edelmetalle wie Gold oder Silber zu kaufen. Ebenso besteht die Möglichkeit, Immobilien zu erwerben. Nicht ratsam ist es allerdings, sich mit seinem Kapital in einer der vorgestellten Anlagemöglichkeiten zu "verstecken", nur um etwaige Strafzinsen zu umgehen. Schließlich ist der Verlust durch Strafzinsen minimal und kalkulierbar, während bei einer Anlage in Aktien oder Immobilien unter Umständen beachtliche Summen verschlungen werden können.

Lese-Tipp: Rohstoff-Wissen – So funktioniert der Handel mit Edelmetallen
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Zukunftsausblicke

Zumindest zum aktuellen Zeitpunkt sind höhere Zinsen nicht abzusehen - frühestens ab 2019 sehen wir eine entsprechende Entwicklung. Trotzdem: Grundsätzlich sollte von einer prinzipiell negativen Einstellung gegenüber dem anhaltend niedrigen Zinsniveau abgesehen werden. Schließlich kurbeln niedrige Zinsen die Wirtschaft an, indem unter anderem Finanzierungskosten gesenkt werden. Die Herausforderung besteht jetzt darin, eine einheitliche Strategie für den Euroraum zu entwickeln, damit faule Kredite fortlaufend abgebaut werden können. Außerdem wird der Bankensektor, der lange Zeit in vielen Ländern zu groß geführt wurde, sich "gesundschrumpfen" müssen, um die Profitabilität auf der anderen Seite wieder erhöhen zu können.

Fazit

Die Deutschen wurden lange Zeit von den Banken verwöhnt, indem die private Kontoführung nahezu flächendeckend gebührenfrei war. Derzeit findet ein Wandel statt, die Profitabilität der Banken durch ihr eigentliches Kerngeschäft, den Zinsüberschuss, geht drastisch zurück, die Suche nach Alternativen läuft auf Hochtouren. Die Antwort der Kreditinstitute auf die desaströse Zinssituation ist eine, z. T. kompromisslose Gebührenpolitik – für alles soll gezahlt werden. Von der Kontoführung bis zur Ein- bzw. Auszahlung und Überweisung soll im Idealfall der Banken alles gebührenmäßig verankert werden. Fraglich ist, bis zu welchem Punkt der dichte Wettbewerb diesen Trend zulässt und inwieweit diese Entwicklung bei deutschen Bankkunden auf Akzeptanz stößt. Wir sehen jedenfalls noch genügend Spielraum, um sich den ausuferndsten Gebührenmodellen zu entziehen.