Was bedeutet der Brexit für deutsche Sparer?

UPDATE: Briten stimmen für EU-Ausstieg - 24.06.16
Die Briten haben abgestimmt und sich mehrheitlich für einen Ausstieg aus der EU entschieden. Mit 51,9 % für den Austritt fiel das Ergebnis überraschend deutlich aus. 48,1 % stimmten für den Verbleib. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 70 %.
Erste Auswirkungen sind bereits sichtbar. So verlor das britische Pfund am Freitagmorgen rund 11 Prozent und sank unter 1,33 US-Dollar. Der tiefste Wert seit 1985. Für Sparer mit einem Tagesgeld oder Festgeld in Großbritannien hat dies insofern Auswirkungen, da die britische Einlagensicherung in Pfund gewährt wird.
Die Finanzmärkte reagierten ebenfalls dramatisch. Der DAX brach zwischenzeitlich um mehr als zehn Prozent ein – der größte Kursrutsch seit 2008. Ähnliche starke Abwärtsbewegungen zeigten der japanische Nikkei sowie die wichtigsten indischen Indizes Sensex und Nifty.

Update 07.03.2017: Die über den britischen Einlagensicherungsfonds FSCS garantierten 85.000 GBP entsprechen derzeit lediglich rund 98.000 EUR. Sparer sollten dies berücksichtigen und Einlagen oberhalb der gesetzlichen Sicherungsgrenze auf Konten in anderen Ländern verteilen.

Abstimmungsverhalten der Briten nach Altersgruppen

Studie YouGov Abstimmungsverhalten der Briten nach Alter
Studie 2016 - Quelle: YouGov

Inhaltsverzeichnis

8 wichtige Fragen zum Brexit für Sparer

Der Brexit steht fest. Eigentlich deutete alles darauf hin, dass die Briten in der EU bleiben – die Wettquoten bei den Buchmachern waren ein handfestestes Indiz. Das Ergebnis des Referendums stellte jedoch alle letzten Prognosen auf den Kopf. Viele deutsche Sparer sind von der Entscheidung auf der Insel direkt betroffen, locken einige britische Banken doch mit Zinsen, die sich über dem deutschen Niveau bewegen. Wie geht es mit diesen Einlagen jetzt weiter?

Die alles umfassende, aber eher undifferenzierte Frage der Anleger lautet…

Was soll ich nach dem Brexit tun?

Grundsätzlich gilt, dass übereilte Aktionen wie Konten auflösen oder Gelder bei britischen Banken abzuziehen, völlig unnötig sind. "Direkt betroffen sind deutsche Sparer nicht. Allerdings gibt es natürlich eine indirekte Betroffenheit, wenn sich im Falle eines Brexit die Unsicherheit an den Märkten und in der Konjunktur festsetzt und somit die EZB gezwungen wird, den Leitzins noch länger als beabsichtigt niedrig zu halten", so Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-DiBa. Der jetzt folgende Prozess wird sich über einen sehr langen Zeitraum hinziehen. Die mit dem Brexit in Zusammenhang stehenden Antworten auf die Detailfragen finden sich nachfolgend.

Welche Auswirkung hat der Brexit auf die Einlagensicherung bei britischen Banken?

Zunächst verbleibt es bei der Einlagensicherung in Höhe von 85.000 GBP. Das Thema Einlagensicherung wird im Rahmen der Entflechtungsverhandlungen aufgegriffen, ist aber nicht tagesaktuell.

Welche Risiken birgt der Kursverfall des Pfundes für deutsche Sparer?

Dieser Punkt kann allerdings Auswirkungen haben. Am Vormittag des 24.6.2016 büßte das GBP gegenüber dem Euro über fünf Prozent ein. Bislang entsprach die Einlagensicherung in Höhe von 85.000 GBP den Vorschriften der EU über eine Sicherungshöhe von 100.000 Euro. Mit dem Kursverfall sinkt zwangsläufig der Gegenwert der besicherten Gelder.

Daniel Franke, Betreiber des Fachportals Tagesgeldvergleich.net und seit 11 Jahren am Markt, rät allen betroffenen Sparern, bei der Höhe der Einlagen einen entsprechenden Puffer einzubauen.

Länder außerhalb der Eurozone sind gehalten, die Einlagensicherung alle fünf Jahre hinsichtlich des Devisenkurses zum Euro zu überprüfen. In Großbritannien fand diese Überprüfung erst im Jahr 2016 statt.

Aktuell nur 98.000 Euro pro Sparer gesetzlich abgesichert
(07.03.2017) Da, wie bereits beschrieben, die gesetzliche Einlagensicherung in Großbritannien Einlagen bis 85.000 Pfund pro Sparer absichert, schwankt die Sicherungsgrenze in Euro in Abhängigkeit vom Wechselkurs. Beim aktuellen Wechselkurs von 1,15 Euro pro britischem Pfund beträgt sie nur rund 98.000 Euro. Sparer sollten das bei der Disposition unbedingt berücksichtigen und Einlagen oberhalb der gesetzlichen Sicherungsgrenze auf Konten in anderen Ländern verteilen. Unser tagesaktueller Vergleich von mehr als 100 Tagesgeldangeboten hilft beim Auffinden geeigneter Angebote.

Wie sollen sich Sparer verhalten, die Festgelder bei der First Save €uro und Close Brothers angelegt haben?

Hier gilt das Gleiche, was auch im Zusammenhang mit dem Kursverfall des GBP greift. Das Sparguthaben sollte entsprechend reduziert werden. Portale wie Weltsparen, die sich auf internationale Einlagen spezialisiert haben, bieten auch in anderen Ländern attraktive Lösungen an.

Ich habe ein Tagesgeldkonto bei der Bank of Scotland – wie sicher sind meine Einlagen?

Die Situation für Kunden der Bank of Scotland ist nicht ganz so angespannt. Die Bank of Scotland ist in Deutschland Mitglied im Bundesverband deutscher Banken. Die Einlagen sind bis zu einer Höhe von 250.000 Euro abgesichert.

Was passiert an den Börsen?

Für die britischen Unternehmen sehen Experten zunächst einmal einen deutlichen Kursrückgang. Der britische Index FTSE 100 gab am 24.06.2016 bei Eröffnung zunächst um 600 Punkte nach, erholte sich aber bis zum späten Vormittag wieder und verzeichnete noch ein Minus von 350 Zählen.

Für deutsche Unternehmen, die stark auf der Insel engagiert sind, wird es ebenfalls kritisch. Betroffen sind hier in erster Linie die Versorger e.on und RWE sowie die Post und BMW. Der Dax verlor im gleichen Zeitraum am 24.6.2016 ebenfalls über sechs Prozent.

Welche Auswirkung hat der Brexit auf den EZB-Leitzins?

Die Austrittsgespräche werden für einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren angesetzt. Eine Prognose abzugeben, wäre gewagt, da bis jetzt niemand vorhersagen kann, wie sich die Märkte vor diesem Hintergrund entwickeln werden.

Es lässt sich allerdings nicht ausschließen, dass der Brexit die Notwendigkeit einer Niedrigzinspolitik verlängert, falls die Volkswirtschaften auf dem Kontinent durch die prognostizierte Rezession in Großbritannien in Mitleidenschaft gezogen werden.

Barclays Research schätzt, dass das Wirtschaftswachstum auf der Insel von zuletzt plus zwei Prozent auf minus ein Prozent sinken wird.

Die US-Notenbank FED hatte sich vor dem Referendum dazu entschieden, den US-Leitzins zunächst unverändert zu lassen.

Gibt es eigentlich auch Gewinner durch den Brexit?

Es ist anzunehmen, dass der Finanzplatz London an Gewicht verlieren wird. Zahlreiche Banken hatten bereits angekündigt, dass sie im Fall eines Brexit ihre Präsenz nach Frankfurt am Main verlagern würden. Die deutsche Bankenmetropole könnte tatsächlich von dem Ausstieg der Briten aus der EU profitieren.

Barclays Research sieht im Kursverfall des Pfundes allerdings auch Chancen für die britische Wirtschaft. Luxusartikelhersteller wie Burberrys könnten bei einem Minus von zehn Prozent mit einem Umsatzplus von 20 Prozent durch den Export rechnen.

Fazit

Der Austritt der Briten als zweitgrößter Volkswirtschaft aus der EU ist in keiner Weise mit dem Austritt Grönlands im Jahr 1985 zu vergleichen. Welche Auswirkungen sich auf die britische Wirtschaft und damit auch auf das Zinsniveau auf der Insel ergeben, kann heute noch niemand vorhersagen. Gleiches gilt für die Wechselwirkungen auf die Volkswirtschaften in der EU.

Im Ergebnis betrifft der Brexit das Gros der Sparer nicht.

Deutsche Anleger müssen sich über den Brexit nur Gedanken machen, wenn sie Gelder bei britischen Banken oberhalb einer Grenze von ca 80.000 Euro halten.

Hintergrund zum Brexit

Am 23. Juni 2016 stimmten die Briten darüber ab, ob sie weiter Bestandteil der Europäischen Union (EU) bleiben oder lieber wieder losgelöst von allen Wirtschaftsräumen agieren wollen. Der anstehende Brexit hat nicht nur auf der Insel massive Auswirkungen.

Zwei unabhängige Sachverhalte

Ein Brexit führt zu zwei Ausgangssituationen. Der erste Fall ist bereits eingetreten. Je näher der Zeitpunkt der Abstimmung rückte, um so tiefer sanken die Renditen der Bundesanleihen in Deutschland. In der dritten Juniwoche notierten Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit erstmals negativ.

Unsicherheit läßt Renditen der Bundesanleihen sinken

Die große Unsicherheit an den Kapitalmärkten führte dazu, dass Anleger sichere Investments suchten. Bundesanleihen zählen in diesem Zusammenhang zu den attraktivsten Papieren, Investoren sind bereit, mehr zu bezahlen, als sie am Ende damit erwirtschaften [1].

Diese Tatsache ist der eine Sachverhalt. Der andere betrifft all die Anleger, welche Gelder bei britischen Banken, beispielsweise der Bank of Scotland, angelegt haben. Die Bank of Scotland sichert die Einlagen ihrer Kunden im Rahmen der EU-Vorgabe bis zu einer Höhe von 85.000 Pfund ab. Darüber hinaus ist sie Mitglied im Bundesverband deutscher Bank und garantiert hier eine Einlagensicherung von bis zu 250.000 Euro je Anleger.

Devisenkursverschiebungen belasten Einlagensicherung

Etwas anders verhält es sich mit der FirstSave €uro. Dieses Institut agiert nur im Rahmen der europäischen Einlagensicherung. Hier greift nur die Einlagensicherung in Höhe von 85.000 Pfund.

Tatsache ist, dass das britische Pfund in der Zeit von Januar 2016 bis Anfang Mai 2016 von 1,36 Euro auf 1,26 Euro gefallen ist, rund sieben Prozent [2].

Währungskurs Britisch Pfund / Euro von 2015 bis 2016
Quelle: http://www.finanzen.net/devisen/britische_pfund-euro-kurs

Wie die nachfolgende Grafik zeigt, verlor das britische Pfund aber auch dem US-Dollar gegenüber massiv an Wert. Durch den Kursverfall gegenüber dem Euro entsprechen die 85.000 Pfund nicht mehr den 100.000 Euro, welche die Europäische Union als Mindesteinlagensicherung vorschreibt. Im Fall einer Insolvenz der FirstSave €uro wäre die Konsequenz, dass Sparer einen geringeren als den für Europa gesetzlich vorgeschriebenen Anteil ihrer Einlagen zurück erhielten.

Währungskurs Britisch Pfund / US-Dollar von 2009 bis 2016
Quelle: http://www.finanzen.net/devisen/britische_pfund-us_dollar-kurs

Die Höhe der Einlagensicherung in Landeswährung in Ländern außerhalb der Eurozone muss alle fünf Jahre neu ermittelt werden. Bedauerlicherweise überprüften die Briten erst im Jahr 2016 diese Höhe. Die fällige außerplanmäßige Korrektur steht bis jetzt noch aus.

Anleger, die Konten bei der First Save oder anderen britischen Banken unterhalten, sollten vorsichtshalber deutliche Puffer zwischen Einlage und Einlagensicherung einbauen.

Lese-Tipp: Einlagensicherung bei Tagesgeld und Festgeld

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Was wären die Folgen des Brexit über das Tagesgeld hinaus?

Liegt der Blick auf Zinsen und Aktienmärkten, kann der Brexit in Deutschland zur Folge haben, dass die Renditen von Staatsanleihen noch weiter nach unten sinken wird. In welche Richtung die Zinsen nach dem Brexit gehen, lässt sich nicht genau vorhersagen. Ein Zinsanstieg wäre weder auf dem Kontinent noch auf der Insel zu erwarten. Gerade in Großbritannien wäre dies auch Gift für die dortige Wirtschaft. Auf der anderen Seite gibt es durchaus Stimmen, welche von steigenden Zinsen sprechen – Ungewissheit an allen Ecken und Enden.

Der Traum der Brexit-Befürworter, ein Europa nach Wunschzettel, würde auf Jahre hinaus Unsicherheiten schaffen, da niemand vorhersagen könnte, was in fünf Jahren der Fall sein wird.

Deutsche Exportunternehmen betroffen

Experten gehen nach einem Brexit von einem Einbruch des Wirtschaftswachstums von zurzeit 2,00 Prozent auf minus ein Prozent aus [3]. Treffen würde dies aus deutscher Sicht vor allem Unternehmen wie BMW oder RWE, die stark in Großbritannien engagiert sind. Gerade für die Aktionäre von RWE wäre dies ein weiterer Rückschlag.

Der erwartete Einbruch des britischen Pfundes hätte aber für manchen Exporteur auf der Insel auch positive Auswirkungen. Analysten von Barclays unterstellen, dass bei einem Einbruch des Pfundes gegenüber dem Euro von zehn Prozent die Umsätze von Burberry beispielsweise um 20 Prozent zulegen würden.

Probleme bekommen allerdings auch die britischen Banken und ihre Aktionäre. Mit dem Wegfall des freien Zugangs zu den EU-Finanzmärkten kämen diese zunächst mächtig ins Schlingern.

Nachfrage nach Gewerbeimmobilien in Deutschland könnte steigen

Zahlreiche international aufgestellte Banken haben bereits signalisiert, dass sie sich im Falle des Brexit deutlich aus London zurückziehen und ihre europäischen Hauptquartiere nach Deutschland verlagern würden. Für den deutschen Immobilienmarkt, gerade in Frankfurt am Main, wäre dies eine weitere Befeuerung der Mieten und Quadratmeterpreise.

Fazit

Lässt man Unternehmen wie Burberry einmal außen vor, gibt es beim Brexit kaum oder nur wenige Gewinner. Deutsche Anleger müssten ihre Einlagen bei britischen Banken hinsichtlich der Einlagensicherung und des Wechselkursrisikos überprüfen.

Die Aktionäre einiger deutscher Unternehmensind vermutlich mit Einbrüchen bei den Dividendenzahlungen konfrontiert. Der Anleihemarkt wird für die Sparer hierzulande noch unattraktiver, als er es jetzt schon ist.

Die britische Wirtschaft selbst wird - so die Prognose - in eine massive Rezession abrutschen, die Banken als einer der wichtigsten Wirtschaftszweige bekommen, gelinde formuliert, Probleme.

Das Ergebnis für den wiedererwachten Traum der Briten von einer autonomen Großmacht kann am Ende, so sind die Vorzeichen zumindest heute, nur Verlierer vorzeigen.

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Wie entwickeln sich die Zinsen bei einem Brexit? Die Meinungen dazu gehen auseinander. Ein plötzlicher Zinsanstieg ist allerdings kaum zu erwarten. Mit einem Tagesgeldkonto mit Zinsgarantie können Sie sich die aktuellen Konditionen sichern. Bis zu 12 Monate Zinsgarantie bei 1,00% Zinsen sind derzeit drinn.

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