Warum sind die Sparzinsen höher als der Leitzins?

Warum zahlen Banken ihren Kunden Sparzinsen oberhalb des EZB-Leitzinses?

Leipzig, 10.05.2013

Warum Sparzinsen auch künftig oberhalb des Leitzinses liegen werden

Banker sprechen von der Zeit "billigen Geldes". Und das nicht erst seit gestern. Den Hebel hat die Europäische Zentralbank bereits im Juli 2012 umgelegt. Seinerzeit korrigierten die Währungshüter den Leitzins auf historisch niedrige 0,75 Prozent. Doch damit war das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht. Im Mai 2013 sackte der Leitzins um weitere 25 Basispunkte auf 0,50 Prozent – mit Luft nach unten. Banken können sich also sehr günstig mit Kapital eindecken und sind damit rein theoretisch nicht auf Kundengelder angewiesen. Wären da nicht die Vorgaben, die in Form von Basel III wie ein Damoklesschwert über den Bankhäusern schweben.

Das enge Korsett: Basel III

Während der niedrige Leitzins die Branche optimistisch stimmt, gilt Basel III in Bankkreisen eher als Schimpfwort und sorgt bei Kreditinstituten weltweit für Bauchschmerzen. Denn der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, der 1974 von den G-10-Staaten gegründet wurde, hält mit dem Maßnahmenkatalog ein Korsett parat, das vielen Marktteilnehmern zu eng scheint. Entsprechend heftig setzt man sich zur Wehr und hat zumindest einen kleinen Aufschub erhalten.

Eigenkapitalvorschriften: Die Qualität von Geld

Zum besseren Verständnis: "Der Ausschuss entwickelt Aufsichtsstandards und Empfehlungen für die Bankenaufsicht", erklärt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Diese Standards sind zwar nicht verpflichtend, werden aber von den meisten Staaten übernommen. Den Anfang machte Basel I. Seinerzeit wurden umfangreiche Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung von Kreditinstituten definiert. "Generell bestimmen die Eigenkapitalregeln, wie viel und welche Art von Kapital eine Bank mindestens haben muss, um ihre Risiken abzusichern", so das Bundesministerium der Finanzen. Mit Basel II wurden risikogerechtere Anforderungen formuliert. Bei Basel III geht es jetzt vor allem um die Qualität des Eigenkapitals. Denn Kapital ist nicht gleich Kapital und wird durch das Regelwerk dementsprechend unterschiedlich gewertet – insbesondere mit Blick auf die Stabilität und die Sicherheit.

Einlagen als Refinanzierungsquelle

Zinsgrafik

Damit kommen die Kundengelder ins Spiel. "Einlagen stellen mit einem Anteil von rund 60 Prozent die wichtigste Refinanzierungsquelle der europäischen Banken dar", betont DB Research von der Deutschen Bank AG in ihrer Studie "Vor dem Comeback: Einlagen bei Banken" und wagt den Blick nach vorne: "Die Bedeutung von Einlagen wird aufgrund neuer regulatorischer Anforderungen und einer höheren Risikoaversion der Banken mittelfristig zunehmen." Warum? Weil der Privatsektor eine äußerst verlässliche Basis bildet. Die Sparguthaben von Haushalten und Privatkunden sind weniger mobil. Das heißt, das Geld bleibt in der Regel dort, wo es ist, und wird nur selten von jetzt auf gleich abgezogen.

Die einzigen Schwankungen, die am Markt zu beobachten sind, betreffen in erster Linie die Art der Einlagen. Während Termingelder, zu denen unter anderem Festgeld zählt, krisen- und niedrigzinsbedingt ein wenig schwächeln, zählen Sichteinlagen wie das Tageskonto zu den klaren Gewinnern und konnten deutlich zulegen. Über alle Sparformen hinweg verbuchten die Banken bei den Einlagen im Privatsektor ein durchschnittliches Plus von 4,8 Prozent pro Jahr. Diese Stabilität macht Kundengelder so wertvoll. Ihnen wird im Rahmen von Basel III ein Faktor von 80 Prozent zugewiesen. Der Umstand, dass nur ein geringer Abschlag vorgenommen wird, führt aus Sicht von DB Research auf Dauer zu einer höheren Nachfrage.

Kundeneinlagen werden immer wichtiger

Bestätigt wird diese Annahme durch eine Studie des Handelsblattes und der Unternehmensberatung msgGillardon aus dem Jahr 2012, für die 200 Fach- und Führungskräfte der deutschen Kreditwirtschaft befragt wurden. Die Experten rechnen damit, dass vor allem Tagesgelder (31 Prozent) und Sparprodukte mit Kündigungsfrist (29 Prozent) durch Basel III an Bedeutung gewinnen werden, weil viele Banken nicht umhinkämen, ihr Portfolio neu zu strukturieren. Dazu stehen mehrere Strickmuster zur Verfügung, wobei sich inzwischen klare Präferenzen herauskristallisieren: Laut einer Erhebung des F.A.Z.-Institutes und Logica haben sich 52 Prozent der Banken dazu entschlossen, die Höhe der Spareinlagen zu steigern, um die Vorgaben zu erfüllen. Dass das funktioniert, zeigt die Entwicklung der täglich fälligen Spareinlagen deutscher Privatkunden:

Volumen des Neugeschäfts für täglich fällige Einlagen privater Haushalte in Mrd. Euro

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Sparer entscheiden nach Risiko-Rendite-Profil

Diesbezüglich haben dann auch Verbraucher und Unternehmen ein Wörtchen mitzureden. Denn nicht nur Banken können auf mehrere Instrumente zurückgreifen. Auch Sparern steht eine breite Klaviatur an Optionen zur Auswahl. Sie sind nicht ausschließlich auf Banken angewiesen, um Geld anzulegen. Die Kreditwirtschaft steht in direkter Konkurrenz zu Versicherungen und teils auch Bausparkassen. Entscheidend ist daher die Attraktivität von Anlagen. Vor allem das Risiko-Rendite-Profil muss stimmen. Banken haben hier den großen Vorteil, dass über die gesetzliche und freiwillige Einlagensicherung der Aspekt Risiko klar zu ihren Gunsten ausgelegt werden kann. Bleibt der Faktor Rendite. "Hier wäre die Annahme, dass bei steigenden Einlagezinsen prinzipiell die Einlagen steigen", meint DB Research.

Die Zinsen steigen

Das deckt sich mit der Handelsblatt-Studie. Das Ergebnis fasst Ralf Zimpel, Leiter des Competence Center Unternehmenssteuerung & Risikomanagement der Unternehmensberatung msgGillardon, zusammen: "36 Prozent der von uns befragten Banken und Sparkassen rechnen mit einer Anhebung der Sparzinsen um 0,25 bis 0,5 Prozentpunkte. 26 Prozent erwarten Steigerungen von 0,5 bis zu einem Prozentpunkt. Und jedes fünfte Kreditinstitut geht davon aus, dass sich die Sparzinsen sogar um mehr als ein Prozentpunkt erhöhen werden." Ziel sei es, dass Sparer ihr Kapital möglichst langfristig binden. Für Kunden hat das den Vorteil, dass Banken auch weiterhin um sie buhlen werden.

Zins-Zunder: Basel III zwingt Banken zum Handeln

Basel III sorgt also auch in Zeiten billigen Geldes dafür, dass die Sparzinsen sich weiterhin oberhalb des Leitzinses bewegen. Wunder sind zwar nicht erwarten und das Zinsniveau wird wohl noch längere Zeit auf Sparflamme köcheln. Dafür rückt der Kunde wieder mehr in den Fokus der Banken. Hier geht es dann nicht nur um die Rendite, sondern auch um den Service und das Vertrauen. Denn Sparer sind wählerisch geworden und nutzen deutlich öfter Finanzvergleiche, um Top-Konditionen zu erhalten, als noch vor einigen Jahren. Daraus resultiert ein Wettbewerb, der durch Basel III noch mehr Zunder erhält. Die Kunden dürfen sich freuen.

Die gesamte Studie gibt es natürlich auch als PDF-Version zum Download:

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