Anlageverhalten in Deutschland 2015

Das Zinsniveau in Deutschland für Sparanlagen ist in den letzten Jahren stetig gesunken. Trotzdem gehören klassische Finanzprodukte wie Tagesgeld weiterhin zu den beliebtesten Anlagen in Deutschland. Wir haben das Anlageverhalten 2015 und die aktuellen Marktsituation in Relation zueinander gesetzt und versuchen zu erklären, weshalb dieser Trend anhält. Zudem geben wir Tipps, wie die ideale Anlage derzeit aussehen sollte.

Wie haben sich die Zinsen beim Tagesgeld seit 2010 entwickelt?

Wer im August 2010 ein Tagesgeld mit durchschnittlicher Verzinsung anlegte, erhielt damals rund 1,57 % Zinsen. Der Durchschnittzins im August 2015 stagnierte hingegen bei 0,40 %, was im Vergleich ein Minus von 74,52 % darstellt. Selbst Anbieter mit guten Zinssätzen liegen derzeit nur knapp über der 1,00-%-Hürde. Sparer erhalten demnach im Schnitt nur noch ein Viertel der Zinsen, die 2010 möglich waren.

Ziehen wir lediglich die besten fünf Tagesgeldkonten (Top-5) in den jeweiligen August-Monaten heran, ergibt sich ein Bild, welches den Trend bestätigt. Demnach lag der Durchschnittzins der Top-5-Anbieter 2010 bei 2,07 %. Im August 2015 gab es lediglich noch durchschnittlich 1,11 % Zinsen – ein Minus von 46,38 %.

Nachfolgend zeigen wir die Entwicklung der durchschnittlichen Tagesgeldzinsen für den August über fünf Jahre hinweg. Die Tendenz ist eindeutig: Den größten Einbruch gab es zwischen den Jahren 2012 und 2013. Hier sanken die Zinssätze um mehr als 54 Prozent. Im Vergleich zum Ausgangszins im August 2010 ein Minus von 49,68 %. Für diese Berechnung wurden die Tagesgeldzinsen für Einlagen von 5.000 Euro erhoben. Die gesamte Zinsentwicklung findet sich in unserem monatlichen Tagesgeldindex.

Datum Tagesgeldzinsen (Durchschnitt)
5.000 Euro 50.000 Euro Top5
Aug 2010 1,57% 1,50% 2,07%
Aug 2011 2,08% 2,00% 2,62%
Aug 2012 1,72% 1,67% 2,42%
Aug 2013 0,79% 0,80% 1,52%
Aug 2014 0,57% 0,57% 1,33%
Aug 2015 0,40% 0,38% 1,11%
Stand: 09/2015

Zins-Entwicklung seit 2010

Tagesgeldzinsen im Durchschnitt 2010 bis 2015
Tagesgeldzinsen für Einlagen von 5.000 und 50.000 Euro: Entwicklung im Durchschnitt 2010 bis 2015 - Quelle: Tagesgeldvergleich.net
Tagesgeldzinsen Veränderung 2010 bis 2015
Tagesgeldzinsen für Einlagen von 5.000 und 50.000 Euro: Veränderung zum Stand von 2010 - Quelle: Tagesgeldvergleich.net

Auch für Banken sind niedrige Zinsen mitunter eine Herausforderung: In der nachfolgenden Grafik zeigt sich, wie die Nettozinsmarge von Spareinlagen (inkl. inklusive Erträgen aus Fristentransformation - Asset Liability Management) seit mehreren Jahren kontinuierlich zurückgeht. Der letzte Anstieg der Nettomarge war 2010 zu verzeichnen. Die letzte Aufwärtsbewegung des Sparzinses nach diesem Modell sogar 2008. Wie hier nachzulesen, hat sich der Abwärtstrend seit 2010/11 deutlich beschleunigt. Die Banken reagieren seither mit sinkenden Sparzinsen, wie der Blick auf die Daten belegt.

Ertragsanalyse: Spareinlagen inklusive Asset Liability Management
Quelle: Barkow Consulting "Credit Benchmark Model"

Inflationsrate beachten

Sehen wir uns die durchschnittlichen Tagesgeldzinsen an, so wird - wie erwähnt - ein deutlicher Abwärtstrend sichtbar. Allerdings raten Finanzexperten dazu, den Zins immer in Relation zur Inflation zu betrachten. Kurzum: Die Zinsen sollten aus Sicht des Sparers immer höher als die Inflationsrate liegen. Was sich in den vergangenen Jahren eher schwierig gestaltete, erweist sich aktuell als sehr einfach. Die Inflationsrate im August 2015 lag bei 0,20 %. Selbst mit dem durchschnittlichen Zinssatz von 0,40 % p. a. erzielt der Kunde eine positive Realrendite. Auch hier zum Vergleich: 2011 erhielten Sparer zwar noch rund 2,08 % Zinsen für das durchschnittliche Tagesgeld: Die Inflationsrate lag bei 2,10 %. Unterm Strich ein Minus von zwei Prozentpunkten.

Nach derzeitigen Prognosen wird die Inflationsrate in Deutschland 2015 kaum signifikant steigen. Im Schnitt liegt die Inflation hierzulande bei gerade 0,24% (Januar bis August 2015). Entsprechend sind Tagesgelder heute lukrativer als vor drei oder vier Jahren, obwohl die Zinsen niedriger sind.

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Sparer bevorzugen sichere Anlagen

Basierend auf den genannten Zahlen, stellt sich die Frage, inwieweit Sparer das sinkende Zinsniveau als kritisch ansehen. Hinsichtlich ihrer "Beliebtheit" geben Tagesgeld und Sparkonten jedenfalls nur wenig nach, wie der jährliche Geldanlage-Trend des Bundesverbands deutscher Banken zeigt. Unter den "bevorzugten Anlageprodukten" rangiert Tagesgeld 2012 auf Platz 2 mit 34 %, 2013 auf Platz 1 mit 35 % und 2014 mit 19 % wieder auf Platz 2. In der letztgenannten Umfrage wurden allerdings Sparkonten bzw. Sparpläne erstmals separiert (24 %). Es kann davon ausgegangen werden, dass der fehlende Anteil an Tagesgeldsparern sich großteilig in der Sparkonto/-plan-Kategorie wiederfindet. Insofern lässt sich die Entwicklung der Anlagepräferenzen an dieser Stelle nur schwer auswerten.

Wir gehen aber davon aus, dass es durchaus einen Bedeutungsverlust des Tagesgelds als zinsorientierte Anlage gibt – dieser aber weitestgehend durch den Wunsch zum nachhaltigen Sparen ausgeglichen wird. Dies belegt auch die hohe Einstufung des Tagesgelds unter den "gewünschten Anlageprodukten 2015". Der Wert steigt hier auf 23 % an. In der Umfrage waren Mehrfachnennungen möglich.

Bemerkenswert an dieser Stelle sind zwei weitere Details: 1) Der klassische Sparplan bzw. das Sparkonto verliert beim Ausblick in die Zukunft als einziges Anlageprodukt merklich an Zuspruch. Entsprechend kann davon ausgegangen werden, dass sich das sinkende Zinsniveau hier widerspiegelt. 2) Die bedeutendsten Anstiege verzeichnen Aktien und Immobilien. Die eigenen vier Wände wünschten sich 38 % der Umfrageteilnehmer als Anlage im Jahr 2015 (15 % investierten bereits 2014 in Immobilien). Bei Aktien sagten immerhin 19 % der Befragten, dass diese auf der Wunschliste für das aktuelle Jahr stehen. Da die Investitionen in Aktien und/oder das Eigenheim aber mit finanziellen Hindernissen bzw. Risiken verbunden sind, dürfte die Anzahl der tatsächlichen Anlagen weniger stark ausfallen.

Umfrage Geldanlage in Deutschland 2012 bis 2014
Quelle: Bankenverband / Stand: 14.10.2015

Interessanter Aspekt: Das Festgeld gerät wieder in den Fokus der Sparer. Lag die Festgeldanlage 2012 noch an der Spitze aller "bevorzugten Anlagen" (38 %), sank der Wert kontinuierlich (2013: 25 %; 2014: 16 %). Mit Aussicht auf stagnierende oder sinkende Zinsen bei anderen Sparanlagen gewinnen Festgeldkonten jedoch wieder an Bedeutung. Speziell kurze Laufzeiten (bis 12 Monate) liegen im Trend. Bei den "gewünschten Anlageprodukten 2015" rangierte das Festgeld mit 22 % im vorderen Feld.

Neugeschäftsvolumen vs. Zins

Zusätzlich zu den Umfrageergebnissen des Bankenverbands lohnt sich ein Blick auf das Neugeschäftsvolumen der Banken bei den täglich fälligen Einlagen privater Haushalte. Dieser Wert gibt in gewisser Weise Auskunft über die Spargewohnheiten der Deutschen. Zuletzt lag das Neugeschäft bei 1.073,284 Milliarden Euro (Stand: 07/2015). Zum gleichen Zeitpunkt 2010 gab die Bundesbank nur 698,095 Milliarden Euro an. Insgesamt bis heute ein Plus von 53,74 % von 2010 bis heute.

Bedenken wir die Aussage zum Zinstrend vom Beginn, ist dies eine eigentlich sehr irrationale Entwicklung. Die Zinsen sind auf Rekordtief, die Spareinlagen der Deutschen hingegen höher als je zuvor. Auch bei diesem Umstand spielt das Sicherheitsbedürfnis der Deutschen eine nicht unwesentliche Rolle. Hinzu kommen u. a. die gute Konjunktur und die wachsenden Beschäftigungszahlen. Den Deutschen steht mehr Geld zur Verfügung.

Neugeschäft täglich fälliger Einlagen
Jul 2010 698,095 Mrd. Euro
Jul 2011 729,146 Mrd. Euro
Jul 2012 791,644 Mrd. Euro
Jul 2013 895,155 Mrd. Euro
Jul 2014 972,397 Mrd. Euro
Jul 2015 1.073,284 Mrd. Euro
Stand: 09/2015
Entwicklung Sparanlagen von Privatkunden 2010 bis 2015
Entwicklung Sparanlagen von Privatkunden 2010 bis 2015 - Quelle: Bundesbank

Hunderte Milliarden EUR an Rendite verschenkt

Der hohe Anteil von Bargeld und Einlagen bei Banken am Geldvermögen in Deutschland macht es schon sichtbar: wirklich optimal legen deutsche Sparer ihr Geld nicht an. Das zeigen auch unsere nachfolgenden Berechnungen. Für diese betrachten wir den Zeitraum vom 01.07.2010 bis zum 31.07.2015 und untersuchen die möglichen Renditen, die mittels Anlage auf einem Tagesgeldkonto oder an der Börse hätten erzielt werden können. Fürs Tagesgeld nehmen wir die Durchschnittszinsen aller Angebote sowie die Durchschnittszinsen der jeweils fünf besten Angebote für jeden Monat und unterstellen, dass monatlich das gesamte Anlagevolumen zum jeweils gültigen Zins angelegt werden würde. Für den Börsenfall greifen wir auf den DAX30 zurück. Die Ergebnisse sind ernüchternd:

Wer am 1.7. 10.000 EUR angelegt hat, hat zum 31.07.2015

Anlage-/Sparform Endbetrag Rendite gesamt
Tagesgeld 10.640,98 EUR 6,41%
Tagesgeld Top5 11.023,39 EUR 10,23%
DAX 19.307,10 EUR 93,07%
Quellen: eigene Berechnungen, Ariva.de

Aus den zum 01.07.2010 vorhandenen 698,095 Mrd. EUR täglich fälligen Einlagen wären bis 31.07.2015 geworden:

Anlage-/Sparform Endbetrag
Tagesgeld 741,49 Mrd. EUR
Tagesgeld Top5 766,17 Mrd. EUR
DAX 1.347,82 Mrd. EUR
Quellen: eigene Berechnungen, Ariva.de

Mehr als 600 Mrd. EUR haben Sparer seit Juni 2010 hypothetisch verschenkt, weil sie ihr Geld lieber zu Bank getragen haben, anstatt es an der Börse anzulegen.

Infografik zu verschenkten Renditen und Zinsen deutscher Sparer
Quellen: eigene Berechnungen, Ariva.de

Fazit: Der Mix macht's

Sparer hierzulande sehen die sinkenden Zinsen sicherlich äußerst kritisch. Auf der anderen Seite sind deutsche Anleger sehr sicherheitsorientiert, weshalb riskantere Anlagevarianten bislang nur langsam und geringfügig an Zuspruch gewinnen. Je niedriger aber die Zinsen für täglich fällige Anlagen sind, desto dringender werden sich Anleger nach Alternativen umsehen müssen.

Anlageverhalten in Deutschland 2015 als Grafik zum Download
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Wir haben am Anfang gefragt, ob sich ein Tagesgeld überhaupt noch lohnt? Antwort: Wir raten, wie die meisten Finanzexperten dazu, bis zu drei Monatsgehälter als täglich verfügbare Anlage als Tagesgeld bereitzuhalten. Diese Rücklage dient dafür, kurzfristige Kosten zu decken, z. B. eine Reparatur oder eine dringende Anschaffung.

Alternativ bieten sich Festgeldkonten für kurze Laufzeiten an. Drei bis 24 Monate sind ideal, wenn das Geld nicht anderweitig benötigt wird. Steigen die Zinsen künftig wieder an, kann der Sparer dann flexibel genug reagieren. Tipp: Die besten Zinsen gibt es derzeit im EU-Ausland, wie unser Festgeldvergleich zeigt.

Nicht von der Hand zu weisen ist der Umstand, dass Fonds und Wertpapiere langfristig eine sinnvolle Angelegenheit bzw. Anlage darstellen. So stand z. B. der DAX im August 2010 noch bei 6.292 Punkten. Zum Zeitpunkt unserer Erhebung im August 2015 kletterte die Marke gerade über 11.400 Punkte – ein Plus von über 81 %. Sicherlich bedeuten Aktien immer ein gewisses Risiko, aber bestehendes Kapital lässt sich hier mit der höchsten Renditechance anlegen. Wer über lange Zeiträume hinweg plant, muss sich auch hinsichtlich von stärkeren Kurskorrekturen nur wenig Gedanken machen.

DAX - Kursentwicklung
Datum Kurs Veränderung zu 2010
Aug 2010 6.292,13 -
Aug 2011 6.953,98 10,52%
Aug 2012 6.754,46 7,35%
Aug 2013 8.410,73 33,67%
Aug 2014 9.210,08 46,37%
Aug 2015 11.443,72 81,87%
Stand: 08/2015
Statistik DAX 2010 bis 2015
Statistik DAX Kurs für den Monat August 2010 bis 2015

Tipp:
Wir empfehlen für Einsteiger vor allem Fonds- oder ETF-Sparpläne. Diese lassen sich bereits ab geringen Beträgen (50,- Euro im Monat) besparen und sind vergleichsweise kostengünstig. Einzelwerte sind dagegen nicht unbedingt geeignet. Mehr dazu finden Sie in diesem Blog.