Systemrelevantes Risiko: Schattenbanken

Wer denkt bei dem Begriff "Schattenbanken" nicht automatisch an die Dreigroschenoper? Während die Deutsche Bank in der jüngeren Vergangenheit nur zu gerne im Schatten gestanden hätte, wurde ihr Geschäftsgebaren in aller Öffentlichkeit diskutiert. Es gibt aber auch Unternehmen in der Finanzindustrie, die still und leise wirtschaften. Dabei bewegen sie aber solche gigantischen Summen, dass nicht nur einem Normalverbraucher schwindlig werden würde – auch die EZB, die Bankenaufsichten und Regierungen beschleicht ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken an diese Firmen. Vielerorts wird nach einer Regulierung der Schattenbanken gerufen, da sie für das System gefährlich sein können.

Was sind Schattenbanken?

Auch wenn der Begriff Schattenbank zunächst suggeriert, dass es sich dabei um Unternehmen handelt, die teilweise illegal operieren oder keinerlei Aufsicht unterliegen, ist diese Annahme nicht ganz richtig. Die Definition einer Schattenbank lautet gemäß Bert Bernanke, dem ehemaligen Vorsitzenden des Federal Reserve Boards, wie folgt:

Schattenbanken bestehen aus einem vielfältigen Anteil von Institutionen und Märkten, die insgesamt traditionelle Bankfunktionen übernehmen."
Ben Bernanke, ehemalige Präsident der US-Notenbank Fed

Fast jeder Sparer hatte in der Vergangenheit schon einmal Kontakt mit einer sogenannten Schattenbank, betrachten wir einmal die nachfolgende grobe Übersicht der Unternehmensarten, welche diesem Segment der Finanzwirtschaft zugeordnet werden:

  • Geldmarktfonds
  • Aktienfonds
  • Rentenfonds
  • Geschlossene Fonds
  • Hedgefonds
  • Wertpapierhändler
  • Leasinggesellschaften
  • Factoringgesellschaften
  • Firmeneigene Finanzierungsgesellschaften innerhalb eines Konzerns
  • Finanzierungs- und Versicherungshilfsgesellschaften

Investmentfonds nehmen mit rund zwei Dritteln der Aktiva in Deutschland Rang eins der Liste ein. Geldmarktfonds bilden mit ca. 0,15 Prozent Marktanteil die kleinste Gruppe der Schattenbanken in Deutschland.

Ältestes Mitglied der Gruppe der Schattenbanken ist der honorige Aktienfonds "Pioneer Funds I", gegründet im Jahr 1928. Der US-Hypothekenbankriese Fanny Mae startete 1938 seinen Geschäftsbetrieb. Beiden gemeinsam war, dass sie sich außerhalb des Einflusskreises der US-amerikanischen Securities and Exchange Comission bewegten – ohne, dass jemand dagegen Einwände erhob.

Durch die Finanzkrise werden Banken stärker reguliert, die Kreditvergabe nicht nur in der EU, auch in den USA mit stärkeren Auflagen belegt. In diese Lücke stoßen nun die nicht-regulierten Unternehmen vor. Der New Yorker Basketball-Club "Brooklyn Nets" musste Ende 2014 einen 60 Millionen US-$ Kredit refinanzieren. Der noch junge Verein stieß bei den klassischen Geschäftsbanken auf taube Ohren. Blackstone, eine der großen Investmentgesellschaften weltweit, stieg zu einem Zinssatz von 7,5 Prozent p.a. ein und übernahm dazu die Hypotheken des Stadions.

Die New York Post titelte darauf hin "Blackstone Group is the Barclays Center’s white knight". Auf Deutsch: Die Blackstone Group ist der weiße Ritter des Barclays Center. Diese Aussage zeigt, dass Schattenbanken durchaus auch über eine positive Außenwirkung in der Öffentlichkeit verfügen.

Warum dann die Aufregung um Schattenbanken?

Eine erste Andeutung, welche Auswirkungen Schattenbanken auf die Gesamtwirtschaft haben können, deutete sich, ebenfalls in den USA, im Jahr 1998 an. Der US-Hedgefonds LTC (Long Term Capital) fuhr in diesem Jahr mit geliehenem Geld einen Milliardenverlust ein und geriet ins Straucheln. Es war fraglich, ob die Kredite zurückgezahlten werden könnten. Die Folge wäre ein Domino-Effekt, ähnlich der Subprime-Krise in den USA im Jahr 2008, gewesen. Das Schattenbankwesen bietet die Option der Kreditvergabe außerhalb des staatlich regulierten Rahmens und kann daher im Rahmen von zahlungsunfähigen Überfinanzierungen eine gigantische Krise auslösen.

Niemand weniger als der G-20 Gipfel erteilte dem Financial Stability Board im November 2010 den Auftrag, eine Studie zur Verstärkung und Verbesserung der Kontrolle des Schattenbanksektors zu erstellen. Angesichts der durch Schattenbanken bewegten Volumina war den Mächtigen dieser Welt einfach mulmig. Die Zahlen belegen es:

  • In den USA übersteigt die Schattenbankwirtschaft die regulierten Banken um ein Viertel.
  • Es entstehen immer mehr Spezialfonds mit höheren Risiken, da der klassische Kapitalmarkt keine Renditen mehr bringt. In Deutschland sind rund 2,6 Billionen Euro in solchen Fonds investiert, zwei Drittel des Vermögens der Schattenbanken.
  • Der Wert aller in Deutschland produzierten Güter und Dienstleistungen betrug dagegen "nur" drei Billionen Euro.
  • Das Volumen der Schattenbanken hat sich hierzulande seit dem Jahr 2000 bis zum Jahr 2015 verdreifacht und wies damit ein schnelleres Wachstum auf, als das Bruttoinlandsprodukt im gleichen Zeitraum.
  • Schattenbanken erreichten in 20 ausgewählten Ländern und der Eurozone im Jahr 2014 ein Gesamtvolumen von 80 Billionen US-Dollar, knapp die Hälfte dessen, was die regulären – regulierten - Banken vorweisen konnten. Das weltweite Bruttoinlandsprodukt betrug im gleichen Zeitraum 77,3 Billionen US-Dollars.
  • Wie die Wochenzeitung "Die Zeit" in ihrer Ausgabe vom 5.2.2015 schreibt, stammt inzwischen jeder zweite Kredit in den USA von einer Schattenbank.

Die Zahlen, welche mit diesem Finanzsystem einhergehen, sind zum einen erschlagend, zum anderen bergen sie ein massives Risiko – die Systemrelevanz.

Die nachfolgende Grafik zeigt, dass die Kreditvergabe durch Schattenbanken in der Eurozone kontinuierlich ansteigt:

Kreditvergabe an Schattenbanken
Kreditvergabe an Schattenbanken 2001 bis 2014 - Quelle: IMF

Systemrelevanz – wie war das noch mal?

Der Begriff der Systemrelevanz tauchte das erste Mal im Zusammenhang mit der Finanzkrise in der Öffentlichkeit auf. Unter systemrelevanten Unternehmen versteht die Finanzpolitik Firmen, in erster Linie Banken, deren Zusammenbruch Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft hätten. Das Bundesfinanzministerium schätzte im Jahr 2012 insgesamt 36 deutsche Banken als systemrelevant ein.

Wissenswert:
Die Namen der als systemrelevant eingestuften Finanzinstitute wurde nicht veröffentlicht. Als wahrscheinliche Kandidaten gelten z. B. die Commerzbank, die Deutsche Bank, die HypoVereinsbank sowie die großen Landesbanken und die DZ Bank.

Seit dem Jahr 2014 werden in Europa 120 Banken, die als systemrelevant eingestuft werden, von der Europäischen Zentralbank direkt beaufsichtigt, davon 21 Institute aus Deutschland. Dieser Sachverhalt verdeutlicht zwei Dinge: Banken bergen aufgrund der Kreditvergabe ein gewisses Risiko für das Wirtschaftssystem. Unkontrollierte Kreditvergabe durch Schattenbanken potenziert dieses Risiko.

Durch die fehlende Aufsicht sind die Größenordnungen der Investments der Schattenbanken nur bedingt bekannt, "faule" Kredite modern unter dem Deckmantel der Geheimhaltung vor sich her. Fäulnis führt allerdings zur Bildung explosiver Gase. Betrachten wir die Volumina der Schattenbanken, wäre eine Explosion fatal.

Versuche des Gegensteuerns

Die EU wäre nicht die EU, wenn sie nicht auch in Bezug auf die Schattenbanken mit Verordnungen oder Maßnahmen agieren würde. Das Problem liegt allerdings in der Befindlichkeit einiger Mitgliedsländer. Die Organisation internationaler Wertpapieraufseher (IOSCO) war auf der Suche nach systemrelevanten Geldmarktfonds. Geldmarktfonds bieten ein besonderes Risiko, wenn Anleger mit einem Mal die Anteile zurückgeben. Geldmarktpapiere, häufig Kurzläufer der öffentlichen Hand, müssten regelrecht auf den Markt geworfen werden. Ein Kollaps der Fondsgesellschaft wäre die Folge.

Exkurs Geldmarktfonds

Geldmarktfonds gelten als sicherste Geldanlageform im Rahmen der Anlagegattung "offene Fonds". Sie setzen sich aus kurzlaufenden Anleihen zusammen, in der Regel Laufzeiten mit bis zu einem Jahr. Die Emittenten dieser Papiere sind überwiegend Staaten. Für Anleger eignen sich Geldmarktfonds hervorragend, um Gelder kurzfristig zu parken. Es bleibt jedoch immer wieder die Frage, ob Tagesgelder am Ende nicht rentierlicher sind. Wer diese Frage beantwortet haben möchte, findet hier auch noch weitere Details zum Thema Geldmarktfonds.

Länder wie Irland und Luxemburg sind beliebte Emissionsstätten für Geldmarktfonds, haben also wenig Interesse daran, dass diese Gelddruckmaschinen reguliert werden. Die IOSCO brach die Suche nach systemrelevanten Geldmarktfonds ab – der Druck der Lobbyisten aus der Fondsbranche war zu groß.

Schützenhilfe erhielten diese Lobbyisten im Jahr 2015 von niemand Geringerem als von Luxemburg selbst, welches Aktivitäten der EU im Rahmen des damaligen Ratsvorsitzes im zweiten Halbjahr 2015 gekonnt zu unterbinden wusste. Mit der Übergabe des Ratsvorsitzes an die Niederlande im Januar 2016 erhoffen sich die Experten jetzt einen Durchbruch bei der Regulierung der Schattenbanken.

Updates

Juli 2016 - EZB sieht laut Finanzstabilitätsbericht wachsendes Risiko

Dem aktuellen Finanzstabilitätsbericht der EZB zufolge, bereiten den Zentralbankern unter anderem auch die vom Schattenbankensektor ausgehenden, wachsenden Risiken Sorgen. So hatten Investmentfonds Ende 2015 rund 1.200 Milliarden Euro an Krediten gegenüber Finanzinstituten, 950 Milliarden Euro an Krediten gegenüber Regierungen und 330 Milliarden Euro an Krediten gegenüber nicht-finanziellen Unternehmen in ihren Büchern gehabt.

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