Harte Zeiten für deutsche Bankkunden: Kaum Zinsen, dafür hohe Gebühren

Das anhaltende Niedrigzinsniveau macht den Kreditinstituten weiter zu schaffen. Die wichtigste Ertragsquelle für Banken ist schließlich immer der Zinsüberschuss gewesen, also die Differenz zwischen gezahlten Guthabenzinsen an Sparern und ausgegebenen Krediten an Schuldnern. Doch dieses Geschäftsmodell bekommt immer größere Risse. Spätestens, seitdem die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins Anfang des Jahres auf 0,0 Prozent gesenkt hat, ist klar, dass sich mit Zinsüberschüssen kaum noch Geld verdienen lässt. Banken sind seither gezwungen, ihre Kosten auf anderen Wegen zu decken. Eine Strategie, die in aktueller Zeit erfolgversprechend erscheint, ist die Gebührenstruktur für den Kunden zu verändern.

Lange Zeit profitierte dieser vom Privileg eines gebührenfreien Girokontos und musste selbst für einen hohen Servicestandard selten bezahlen – der starke Wettbewerb machte es möglich. Doch damit scheint Schluss zu sein: In der Gebührenstruktur ist ein Umbruch feststellbar, der immer größere Kreise zu ziehen scheint. Aber kann sich der durchschnittliche Anleger den kreativen Gebühren und Strafzinsen entziehen? Welche empfehlenswerten Möglichkeiten gibt es jetzt, sein Kapital profitabel anzulegen?

Inhaltsverzeichnis

Strafzinsen: Ein Trend aus der Not heraus

Immer mehr Banken verlangen von vorrangig finanzstarken Kontoinhabern Strafzinsen dafür, ihr Geld auf dem Konto zu parken. Vorreiter war in diesem Jahr die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee, die Investoren ab einer Einlage von 100.000 Euro zur Kasse bittet. Statt Habenzinsen zu erhalten, müssen die Anleger hier also bezahlen. Das Konzept scheint Schule zu machen: Immer mehr Kreditinstitute schließen sich – wohl mangels alternativer Einnahmequellen – diesem Trend an. Schlimmer noch: Sie verdichten die Gebührenstruktur und verlangen nun teilweise bereits ab dem ersten Euro Einlagesumme Strafzinsen – so wie beispielsweise die Raiffeisenbank Niederschlesien aus Görlitz für ihr Tagesgeldkonto. Hier werden „Anleger“ mit einem symbolischen Habenzinssatz von 0,01 Prozent und einer monatlichen Gebühr von fünf Euro regelrecht vergraulet. Schon ohne Inflationsbereinigung ergibt sich hieraus ein Minusgeschäft für den Anleger.

Lese-Tipp: Negativzinsen - diese Banken erheben Strafzinsen auf Einlagen »

Nicht vergessen werden sollte bei all der Kritik, dass die Banken selbst für Geld, welches bei der EZB geparkt wird, 0,4 Prozent Strafzinsen bezahlen. Letztendlich handelt es sich hierbei also nur um eine Weitergabe der Kosten. Dem Manager Magazin gegenüber sagte Felix Hufeld, Präsident der Finanzaufsicht Bafin: „Über Girokonten, Depots oder Kreditkarten zum Nulltarif mögen sich Kunden freuen. Mangels alternativer Ertragsquellen lässt sich dieses Angebot aber nicht auf Dauer aufrechterhalten“.

Trotzdem unsere Empfehlung: Strafzinsen sollte jeder Kapitalanleger vermeiden. Noch besteht jedenfalls die Möglichkeit, sein Geld bei Instituten zu parken, die zumindest keine Strafzinsen verlangen – wenngleich auch auf Habenzinsen zumeist verzichtet werden muss. Ehe man Strafzinsen in Kauf nimmt, sollte man sich besser für eine alternative Anlagemöglichkeit entscheiden. 

„Kostenloses Girokonto“ wohl ein Auslaufmodell

Zugegebenermaßen ist der deutsche Bankkunde in der Vergangenheit ziemlich verwöhnt worden. Für Kontoführung und die Nutzung der üblichen Bankdienstleistungen musste er im Regelfall nichts bezahlen, das „kostenlose Girokonto“ war mehr eine Selbstverständlichkeit als ein unique selling point. Das hat sich geändert: Kaum ein Girokonto kann heute noch gebührenfrei genutzt werden. Für den Kunden mag das mehr oder minder ärgerlich sein, fair ist es jedoch allemal. Schließlich erbringt auch die Bank mit der Kontoführung eine Dienstleistung. Für Dienstleistungen bezahlt man im übrigen Leben auch. Warum also nicht fürs Konto? Die Akzeptanz bei den Deutschen scheint sich im Aufbau zu befinden, ist aber alles andere als ausgereift.

Einen Wandel in der Gebührenstruktur wird es laut Bankprofessor Dirk Schiereck von der Technischen Universität Darmstadt auch bei der Bargeldversorgung geben. Gegenüber n-tv sagte er, dass es „eine kostenlose Bargeldversorgung künftig wohl nicht mehr geben wird“. Es ist also damit zu rechnen, dass sowohl für die Bargeldverfügung am Schalter als auch am Automaten zukünftig Gebühren fällig werden.

Beispiel Gladbacher Bank: Hier wird beim Kontomodell „Girokonto Classic“ schon heute zusätzlich zur monatlichen Gebühr ein Betrag von 0,40 Euro pro Ein- bzw. Auszahlung fällig – egal, ob am Schalter oder am Automaten. Ähnlich bei der Aachener Bank: Hier werden Einzahlungen (2,50 Euro) und Auszahlungen (0,40 Euro) ebenfalls gebührentechnisch gelistet. Fairerweise zu beachten ist aber die Tatsache, dass es zumeist ein monatliches Freikontingent gebührenfreier Transaktionen gibt.

Darüber hinaus lassen sich auch immer mehr Kreditinstitute Überweisungen und Daueraufträge bezahlen. Die Postbank berechnet ihren mehr als 14 Millionen Kunden beispielsweise seit einiger Zeit 99 Cent für jede Überweisung, die am Schalter durchgeführt wird.

Kreativ in der Gebührenfindung

Es scheint, als würden Banken den aktuellen Trend zum Anlass nehmen, dem Kunden jede noch so kleine Leistung in Rechnung zu stellen. Bis zu einem bestimmten Maß ist das auch völlig legitim. Doch punktuell wird der Eindruck erweckt, die Banken würden sich äußerst einfallsreich in der Gebührenfindung zeigen. So werden teilweise schon jetzt Jahresgebühren für die Girokarte, Porto für die postalische Zusendung von Kontoauszügen sowie für eine Überweisung am Schalter fällig.

Angesichts des starken Wettbewerbs ist jedoch aktuell nicht damit zu rechnen, dass die Gebühren auf ein zu hohes Niveau ansteigen werden.

Direktbanken auf dem Vormarsch

Die aktuelle Gebührenentwicklung hat zur Folge, dass Direktbanken in besonderem Maße profitieren. Sie bieten fast ausnahmslos weiterhin kostenlose Girokonten an und sind auch in der allgemeinen Gebührenstruktur deutlich humaner. Das liegt schlichtweg an den niedrigen Kosten, da Direktbanken über keine Filialen verfügen. Die ING-DiBa bestätigte gegenüber der WirtschaftsWoche ein „starkes Wachstum“ in den vergangenen Monaten. Allein von Januar bis August 2016 habe die ING-DiBa rund 200.000 neue Kunden zählen können. Ein ähnlicher Trend ist auch bei der Deutschen Kreditbank (DKB) und bei comdirect festzustellen.

false

Quellen:

  • Bankenverband

 

Für Kunden, die ohnehin fast ausschließlich Online-Banking betreiben und auf den Service in der Filiale bzw. auf den Berater verzichten können, gibt es keinen Grund, nicht zu einer Direktbank zu wechseln. Dadurch spart man sich die Kontoführungsgebühren und kann meist weiter von einem gebührenfreien Girokonto profitieren.

Eine der wenigen Filialbanken, die noch immer das kostenlose Girokonto anbietet, ist die Commerzbank.

Tipp der Redaktion: Kostenlose Girokonten mit attraktiven Prämien
Girokonten ohne Monatsgebühren mit bis zu 120 Euro Gutschrift und kostenlosen Kreditkarten finden Sie im Girokonkontovergleich unseres Schwesterportals www.Kostenloses-Konto.net
Kostenlose Girokonten - Jetzt vergleichen... »

Sinnvolle Anlagemöglichkeiten zur Verhinderung von Strafzinsen und Gebühren

Vor Strafzinsen kann man sich schützen, indem man sein Kapital woanders hortet. Gebühren hingegen sind allgegenwärtig und finden sich in nahezu jedem Anlagesektor– egal, ob Aktiendepot, Sparbuch oder Immobilie – jeweils in unterschiedlicher Ausgestaltung. Wichtig ist, dass sich der Kunde nicht per se vor Gebühren jedweder Art verschließt. Andernfalls könnte es schwierig werden, überhaupt noch ein Anlageinstrument zu finden. Aber welche Anlagemöglichkeiten gibt es für Sparer, die Strafzinsen vermeiden wollen, gebührentechnisch günstig unterwegs sein wollen und bestenfalls noch eine annehmbare Rendite erwirtschaften möchten?

Sichere Option: Tagesgeldkonto mit temporärer Zinsgarantie

Die Hiobsbotschaft, dass es auf den ersten Tagesgeldkonten Strafzinsen ab dem ersten Euro in Form von monatlichen Gebühren gibt, sollte den Anleger nicht zu einer ungerechtfertigten Distanz zum Anlageinstrument „Tagesgeldkonto“ bewegen. Warum? Ganz einfach: Es gibt noch ausgewählte Tagesgeld-Angebote, die eine Rendite von teilweise über 1,0 Prozent versprechen. So zum Beispiel aktuell beim Volkswagen Bank Tagesgeld oder beim Audi Bank Tagesgeld (jeweils 1,1 Prozent). Auch beim Consorsbank Tagesgeld und dem ING-DiBa Extra Konto gibt es immerhin noch 1,0 Prozent Zinsen. Die Zinsgarantie beträgt bei den genannten Instituten vier bis sechs Monate.

Vorteile: Sichere Anlagemöglichkeit, i.d.R. gebührenfrei, etwa 1 Prozent Habenzinsen

Nachteile: i.d.R. nur temporäre Zinsgarantie, meist auf 100.000 Euro beschränkt, trotzdem keine überzeugende Rendite

Unsere Testsieger und Empfehlungen: Tagesgelder mit Zinsgarantie

Risiko-Option: Aktiendepot mit Dividendenausschüttung

Eine weitere Möglichkeit den Strafzinsen auf Sparbuch und Girokonto zu umgehen, besteht darin, sein Geld in Aktien zu investieren. Beachtet werden sollten hier allerdings das deutlich höhere Risiko sowie die nicht zu unterschätzenden Depotgebühren. Tipp: Viele Anleger entscheiden sich für Aktien mit jährlicher Dividendenausschüttung. So betrug die Dividendenausschüttung bei den großen DAX-Unternehmen im Jahr 2015 beispielsweise fast ausnahmslos über 3 Prozent (z.B.: Allianz: 4,45 Prozent, Daimler: 4,17 Prozent, BASF: 4,1 Prozent). Es sollten aber natürlich die Kursschwankungen, denen Aktien naturgemäß unterliegen, nicht außer Acht gelassen werden.

Vorteile: Flexible Anlagemöglichkeit, keine Strafzinsen, Chance auf attraktive Dividenden-Rendite

Nachteile: Höheres Risiko, Depotgebühren, höherer Zeitaufwand

Alternative Anlagemöglichkeiten

Investoren, die ihr Kapital auf andere Art und Weise anlegen möchten, haben unter anderem die Möglichkeit, Edelmetalle wie Gold oder Silber zu kaufen. Ebenso besteht die Möglichkeit, Immobilien zu erwerben. Nicht ratsam ist es allerdings, sich mit seinem Kapital in einer der vorgestellten Anlagemöglichkeiten zu „verstecken“, nur um etwaige Strafzinsen zu umgehen. Schließlich ist der Verlust durch Strafzinsen minimal und kalkulierbar, während bei einer Anlage in Aktien oder Immobilien unter Umständen beachtliche Summen verschlungen werden können.

Lese-Tipp: Rohstoff-Wissen – So funktioniert der Handel mit Edelmetallen
Gold gehört für viele Anleger zu Recht in einem geringen Anteil zu einem ausgewogenen Portfolio dazu. Auf unserem Schwester-Portal Brokervergleich.de geben wir Ihnen einen Überblick über den Handel mit Edelmetallen.
Ratgeber Gold kaufen – So investieren Sie in den Klassiker der Edelmetalle »

Zukunftsausblicke

Zumindest zum aktuellen Zeitpunkt sind höhere Zinsen noch nicht abzusehen. Grundsätzlich sollte dabei von einer prinzipiell negativen Einstellung gegenüber dem anhaltend niedrigen Zinsniveau abgesehen werden. Schließlich kurbeln niedrige Zinsen die Wirtschaft an, indem unter anderem Finanzierungskosten gesenkt werden. Die Herausforderung besteht jetzt darin, eine einheitliche Strategie für den Euroraum zu entwickeln, damit faule Kredite fortlaufend abgebaut werden können. Außerdem wird der Bankensektor, der lange Zeit in vielen Ländern zu groß geführt wurde, sich „gesundschrumpfen“ müssen, um die Profitabilität auf der anderen Seite wieder erhöhen zu können.

Fazit

Die Deutschen wurden lange Zeit von den Banken verwöhnt, indem die private Kontoführung nahezu flächendeckend gebührenfrei war. In aktueller Stunde findet ein Wandel statt, die Profitabilität der Banken durch ihr eigentliches Kerngeschäft, den Zinsüberschuss, geht drastisch zurück, die Suche nach Alternativen hat begonnen. Die Antwort der Kreditinstitute auf die desaströse Zinssituation ist eine kompromisslose Gebührenpolitik – für alles soll gezahlt werden. Von der Kontoführung bis zur Ein- bzw. Auszahlung und Überweisung soll im Idealfall der Banken alles gebührenmäßig verankert werden. Fraglich ist, bis zu welchem Punkt der dichte Wettbewerb diesen Trend zulässt, und inwieweit diese Entwicklung bei deutschen Bankkunden auf Akzeptanz stößt.

Christian Finkenbrink, 12/16